Acht Gründe gegen die Programmreform beim Deutschlandfunk

Die geplante Programmreform im Deutschlandfunk wird zu massiven Einschnitten im Programm führen. Diese werden durch die Senderleitung nicht hinreichend kommuniziert. Erfahren Sie hier, was geplant ist und warum wir die Reform ablehnen.

Klicken Sie auf „Mehr erfahren“, wenn Sie mehr Erläuterungen zu den einzelnen Kritikpunkten erhalten möchten.

1: Verlust an Fachsendungen

Alle bisherigen Fachsendungen werden gestrichen. Die Fachredaktionen erhalten deutlich weniger eigenverantwortliche Sendezeit. Sie können weitere Kurzbeiträge in den „Informationen“ und in neuen Gemeinschaftssendungen unterbringen. Hier droht aber eine massive Verflachung.

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Bisher haben die vielen Fachredaktionen selbst verwaltete Fachsendungen. Dadurch zeigt der DLF eine hohe thematische Vielfalt von „Europa heute“ bis „Campus & Karriere“. Dadurch, dass die Fachredaktionen für ihre Fachsendungen selbst verantwortlich sind, können sie dort eine große Breite an Themen und journalistischen Formaten und eine hohe inhaltliche Tiefe anbieten.

Im neuen Programmschema wird ein Teil der Fachinhalte in thematisch übergreifende Containerformate aufgespalten (so genannte „Flächen“). Das sind einerseits die „Informationen“, andererseits Gemeinschaftssendungen wie etwa „Wissen Aktuell“ und „Kultur Aktuell“.

Daneben verbleiben nur noch wenige selbst verwaltete Fachsendungen. Für eigene Formate verlieren die Fachredaktionen laut Sendeschema von Mo–Fr folgende Sendezeit:

  • Europa: minus 40 min.
  • Religion: minus 1 h 30 min. 
  • Umwelt/Klimaschutz/Verbraucher: minus 1 h 20 min.*
  • Wirtschaft: minus 3 h 25 min.*
  • Länder: minus 45 min.
  • Bildung: minus 1 h 35 min.
  • Popkultur: minus 2 h 5 min.
  • Medienkritik: minus 1 h 10 min.
  • Literatur: minus 20 min.
  • Naturwissenschaften: minus 40 min.
  • Kultur: minus 2 h 5 min.
  • Politische Literatur: minus 15 min. 
  • Feature: minus 20 min. 
  • Reise (So): minus 115 min.

Es erscheint sehr fraglich, ob diese massiven Verluste für die Fachthemen durch die Programmplätze in den „Flächen“ vollständig ausgeglichen werden können.

In den „Flächen“ droht zudem ein Verlust von fachlicher Breite und Tiefe: Wenn zukünftig unterschiedliche Redaktionen um Sendeplätze in den „Informationen“ oder den Gemeinschaftssendungen konkurrieren, werden sich zukünftig flachere, aber knalligere Fachthemen eher durchsetzen als nachdenkliche und tiefgehende. Dazu trägt bei, dass der „Flächen“-Redakteur zukünftig nicht mehr vom Fach sein wird, also z.B. bei einem Interview nicht mehr so profund wird nachfragen können.

Siehe auch: Liste der aufgegebenen Fachsendungen (kommt demnächst)
Siehe auch: Berechnung der Sendezeitverluste

*Da Wirtschaft und Umwelt im Programmschema denselben Programmplatz teilen, wurde ihre Sendezeit für die Berechnung jeweils hälftig zugeteilt.

Es ist möglich, dass einzelne Redaktionen noch zusätzliche Sendezeit in den „Dialog“-Sendungen erhalten.

2: Massive Programm-Einsparungen ohne Not

Das zukünftige Programm wird sehr viele und sehr lange Wiederholungen aufweisen. Teure, aber qualitätvolle Programmformate werden gekürzt oder gestrichen. Damit werden teilweise künstlich neu geschaffene Reibungsverluste finanziert.

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Das zukünftige Programm wird massiv von Wiederholungen geprägt. So werden die zweistündigen Mitmachsendungen nachmittags noch einmal in einer auf 20 Minuten gekürzten Version wiederholt. 

Die 120-minütigen Sendungen „Wissen am Samstag“, „Kultur am Sonntag“ werden das Programm wiederholen, das unter der Woche bei „Kultur Aktuell“ und „Wissen Aktuell“ gelaufen ist. Der Sonntag wird im weiteren Programm zu einer Wiederholung des Samstags mit dem Interview der Woche (25 min.), Gesichter Europas (30 min.) und „Köpfe“ (25 min.). Warum soll man zukünftig also am Sonntag den DLF hören?

Die zahlreichen Wiederholungen sind ein massiver Verlust an inhaltlicher Breite und Tiefe. Sie sind für treue Hörer des DLFs besonders schmerzlich, weil ihnen die Wiederholungen (in Kombination mit zukünftig zehnminütigen Nachrichten) besonders stark auffallen werden. Das lineare Programm wird zunehmend unattraktiv.

Zudem gibt es Einschnitte gerade bei teuren Sendungen, die aber zum Markenkern des Deutschlandfunks gehören. So werden „Das Wochenendjournal“ und „Gesichter Europas“ halbiert und der „Sonntagsspaziergang“ komplett gestrichen. Dagegen werden die günstigen, aber inhaltlich wenig verdichteten Mitmach-Formate verlängert. 

Wo wird all das eingesparte Geld hingehen? Vielleicht in die Finanzierung neu geschaffener Reibungsverluste, denn eine „Fläche“ mit hoher thematischer Breite ist viel schwieriger zu organisieren als eine Fachsendung. Die Abstimmungsprozesse unterschiedlichster Redaktionen zur Füllung der Programmplätze in den „Informationen“ und den Gemeinschaftssendungen werden in Zukunft sehr aufwendig werden; die Verwaltung wird dadurch teurer und nicht billiger, sodass weniger Geld und Ressourcen für das Programm „On air“ zur Verfügung stehen. 

3: Verlust an Orientierung

Das bisherige Programmschema gibt eine klare inhaltliche Orientierung. Im neuen Programmschema sind spezifische Fachinhalte nur schwer auffindbar. Das lineare Programm wird damit unattraktiver, aber auch im Digitalen werden Fachthemen schwerer zu finden sein.

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Bisher sind die Fachinhalte durch die Fachsendungen eindeutig geordnet. Das gibt Orientierung im Tagesplan – auch wenn man die Sendungen zeitversetzt hört: „Die Büchersendung ist jeden Tag um 16:10 Uhr“, Um die Wirtschaft geht es in „Wirtschaft am Mittag“ und „Wirtschaft und Gesellschaft“. Die 20–25-minütigen Sendungen konnte man auch je nach Interesse als Podcasts abonnieren.

Das neue Programmschema verteilt die Fachinhalte an unterschiedlichste Orte: In die „Flächen“ (z.B. „Informationen“ und „Kultur nach Aktuell“) und in „Hintergrund“-Podcasts mit schwer zu durchschauender Wochenstruktur. Wenn in der App zukünftig Rubriken für die Fachinhalte aufgemacht werden (z.B. „Bücher“, „Wissen“ oder „Wirtschaft“), wird man unterschiedlich lange Inhalte einzeln anklicken müssen – das führt die Hörer aus dem linearen Programm heraus und erschwert das Weiterhören beim Autofahren oder bei der Hausarbeit. Selbst wenn es zukünftig einen übergreifenden Podcast z.B. für alle Wirtschaftssendungen geben wird, wird dieser ein inhomogenes, teils unmoderiertes Sammelsurium aus langen und kurzen Beiträgen sein.

4: Verpodcastung 1:
Verlust von Distanz

Weite Teile des neuen Programms werden Podcast-Format haben. Durch den neuen journalistischen Stil (Stichwort „Erlebnisjournalismus“ und gezwungene Lockerheit) droht ein Verlust von Objektivität, journalistischer Distanz und von Nüchternheit.

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Bisher bestehen die Fachsendungen zumeist aus unterschiedlichen Sendeformaten, die von einem Moderator/einer Moderatorin präsentiert werden. Beim heutigen „Hintergrund“ werden statt der verantwortlichen Autoren häufig sogar professionelle Sprecher eingesetzt, um dem Thema möglichst objektiv zu begegnen. Kommentar und Beitrag werden in der Programmstruktur strikt getrennt.

Die selbst verwalteten Fachsendungen werden zukünftig ein Podcast-Format haben. Dabei wird ein „Host“ eine Leitfrage stellen und versuchen, sie in 30 Minuten zu beantworten. Der „Host“ soll dem Hörer/der Hörerin ein Identifikationsangebot machen: Wir sollen mit dem Host eine Art Erlebnisreise zur Fragebeantwortung erleben, um so Vertrauen zu ihm aufzubauen und seinen Rechercheweg nachspüren zu können. Damit will der DLF auf vermeintliche neue Hörgewohnheiten reagieren, die durch private Podcasts eingeführt wurden.

So droht allerdings nicht nur ein Verlust des nüchternen Tonfalls im Radio, der Objektivität schaffen soll und in dem das Thema selbst im Fokus steht. Auch wenn es nicht gewollt ist, birgt die Zentralstellung eines „Hosts“ die Gefahr, dass dessen/deren Grundhaltungen in der Sendung ein immer stärkeres Gewicht bekommen und für selbstverständlich genommen werden. Ohne Not wird der DLF es extremistischen Parteien leichter machen, den Sender durch den Vorwurf zu zersetzen, er sei parteiisch. Zudem droht der flapsigere Podcast-Tonfall, immer einmal wieder auch auf die inhaltliche Qualität durchzuschlagen. Manch ein Hörer/eine Hörerin mag sich – unabhängig von seinem/ihrem Alter – infantilisiert fühlen. 

5: Verpodcastung 2:
Verlust von Vielfalt

Durch die Ausweitung des Podcast-Stils droht ein Verlust der Vielfalt der journalistischen Formate und der journalistischen Flexibilität. Im Resultat werden Meldungen und Tiefenrecherchen überleben, die zahlreichen mittelgroßen Themen werden es aber schwer haben.

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Die derzeitigen Fachsendungen erlauben eine hohe Variabilität an journalistischen Formaten. Dabei kann es sich um Interviews, Kollegengespräche und „gebaute Beiträge“ (also Beiträge etwa mit Originalton-Einspielern) handeln. Die Sendungen haben dadurch hohe Flexibilität, etwa um kleine, mittlere und große Themen angemessen und mit journalistischer Distanz zu behandeln.

Schließlich droht ein Verlust der „mittleren“ Themen: Kleinere Meldungen wandern in die „Flächen“, große Themen, die eine grundsätzliche Frage stellen und so eine halbe Stunde Sendezeit wert sind (das ist sehr, sehr viel im Radio!) gehen in den neuen „Hintergrund“-Podcast. Die mittelgroßen Themen werden es im DLF zukünftig aber schwer haben, und das bedroht massiv die thematische Vielfalt.

Ein Beispiel aus der Pop-Redaktion: Wenn die Rolling Stones ein neues Album veröffentlichen, mag das eine Meldungen in den „Informationen“ wert sein. Eine typische Frage für den „Hintergrund“-Podcast könnte etwa lauten: „Wird Musik bald nur noch von Künstlicher Intelligenz erzeugt?“. Wo aber bleibt zukünftig Platz für Berichte über die neue EP einer bisher unbekannten Band, über eine Fotografie-Ausstellung in Berlin oder für eine Gaming-Rezension?

6: Keine überzeugende Begründung

Die Begründung, nur mit der Reform sei die Zukunft des DLF zu sichern, hält den veröffentlichten Zahlen nicht stand. Tatsächlich finden auch jüngere Hörer kontinuierlich zum DLF. Eine weitere Studie, die die Reform angeblich nahelege, wird vom DLF geheim gehalten. 

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Die Programmverantwortlichen des Deutschlandfunks begründen die Reformnotwendigkeit mit ihrer Sorge um die Zukunft des Senders: Zukünftig würden junge Hörer (unter 40) wegbrechen, weshalb man unbedingt mit neuen Formaten gegensteuern müsse – daher die halbstündigen, monothematischen Podcasts, die man meint, auch digital verbreiten zu können.

Die Hörerschaft des Deutschlandfunks ist seit Beginn des Reformprozesses 2024 von ca. 2,36 Millionen Hörern[1] auf ca. 2,5 Millionen Hörer täglich angestiegen[2]. Das ist für das Radio eine unglaublich hohe Zahl: Es gibt kaum ein Medium, das in Deutschland so in die Breite der Gesellschaft wirkt. Dabei ist das Durchschnittsalter der Hörer konstant geblieben. Das bedeutet: Die jungen Hörer finden sehr wohl zum DLF, die Zukunftskrise ist nur herbeigeredet.

Die Hörer hören den Radiosender wegen seiner Nüchternheit und der hohen Dichte und Qualität an Information. Das würde bedeuten, mehr vom Gleichen anzubieten. Für den Wunsch der Hörer nach einem radikalen Kurswechsel gibt es keine Evidenz.

Argumentiert wird außerdem mit einer qualitativen Studie, die die Reform nahelege. Sie wird jedoch geheim gehalten, was einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht angemessen ist.


[1] ma Audio 2024 II; https://www.deutschlandradio.de/ma-audio-2024-100.html (Zugriff am 5. September 2026).

[2] ma Audio 2025 II: 2,64 Mio; ma Audio 2026 I 2,52 Mio. https://www.deutschlandradio.de/ma-audio-2026-i-deutschlandradio-rekordwerte-dlf-nova-100.html (Zugriff am 5. September 2026).

7: Keine Beteiligung der Hörerinnen und Hörer

An der Reform, mit der die Hörerbeteiligung ausgeweitet werden soll, werden die Hörer nicht beteiligt. Die Reform wird im Programm kaum thematisiert.

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Der DLF legt hohen Wert auf Hörerbeteiligung. So lässt er seine Hörerschaft die Inhalte mitbestimmen (z.B. über die Wahl eines Jahresthemas für die „Denkfabrik“) und bietet werktäglich ca. 90 Minuten Mitmachsendungen an. 

An dem Reformprozess wurden die Hörer merkwürdigerweise aber nicht direkt beteiligt. Über die zwei Jahre des Entwurfsprozesses hinweg wurden die Hörer gar nicht informiert und die Verkündung der Programmreform erfolgte im Sender quasi nebenbei. Die Anzahl der Zeitpunkte, zu dem die Programmreform im Deutschlandfunk zum Thema gemacht wurde, lässt sich an einer Hand ablesen. 

Das ist eines öffentlich-rechtlichen Senders nicht würdig. Hier wird ja nicht eine private Firma reformiert, sondern ein öffentliches Institut, das uns allen gehört und das wir alle mitfinanzieren. Und man fragt sich auch: Haben die Senderverantwortlichen Angst vor berechtigter Kritik?

8: Verlust an Expertise der Freien Mitarbeiter

Die Freien Mitarbeiter machen mit ihrer Expertise einen hohen Teil der Senderqualität aus, die die Hörer so schätzen. Vielen droht nun Perspektivlosigkeit und damit eine Abwanderung, die die Senderqualität nachhaltig schwächen könnte.

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Ver.di beklagt, dass Interviews und exklusive Beiträge um zwei Drittel reduziert werden und dass Wirtschaftsthemen, Umwelt und Kultur im Programm weniger vorkommen.[1]

Damit verlieren zahlreiche Freie Mitarbeiter auf Dauer ihre wirtschaftliche Basis, die aber in ihrer hohen Zahl einen hohen Anteil des Programms ausmachen. Die besondere inhaltliche Tiefe des DLF entsteht im Zusammenwirken der Fachredakteure mit den Freien Mitarbeitern, die sich inhaltlich zumeist stark spezialisiert haben. Wenn es zukünftig wirtschaftlich nicht mehr möglich ist, fachspezifisch tief zu recherchieren und zahlreiche Hintergrundgespräche zu führen, wird das Programm über kurz oder lang verflachen.

Der DLF ist durch politische Vorgaben gezwungen, sein Personal abzubauen und tut dies vordergründig bei festen Mitarbeitern, sodass der relative Beschäftigungsanteil der Freien zukünftig ansteigen wird. Dies verschleiert aber das wahre Ausmaß des drohenden schleichenden Personalabbaus bei den Freien. Wenn Freie Mitarbeiter nach und nach immer weniger beschäftigt werden, fällt das zunächst nicht auf. Irgendwann ist die Zahl der Einsätze aber so gering, dass die betroffenen Freien Mitarbeiter gezwungen sind, den Sender komplett zu verlassen. Aus dieser Perspektivlosigkeit resultiert am Ende die Minimierung der Programmqualität.


[1] https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/programmreform-im-deutschlandfunk-verdi-fordert-beschaeftigungsperspektive-fuer-freie (Zugriff am 19. September 2026).