Das neue Programmschema – eine Analyse

Die Analyse

Die folgende Analyse des zukünftigen Programmschemas beruht auf den öffentlich zugänglichen Informationen, dem neuen Programmschema in der mir vorliegenden Form und zahlreichen Hintergrundgesprächen. 

Falls ich etwas falsch dargestellt haben sollte, bitte ich die Senderleitung des Deutschlandfunks um eine entsprechende konkrete Mitteilung; ich werde die Angaben dann zeitnah korrigieren. 

Verlust aller bisherigen Fachmagazine

Die geplante Programmreform führt zum Verlust aller bisherigen Fachmagazine von „Europa heute“ über „Tag für Tag“ bis „Wirtschaft und Gesellschaft“. Die gefährdeten Sendungen finden Sie nach Sparten sortiert hier.

Die Fachredaktionen bleiben erhalten. Für jede Sparte gibt es zukünftig etwas andere Sendeorte. Grundsätzlich gilt aber: Die Fachredaktionen konkurrieren wochentags zukünftig untereinander um kürzere Sendeslots in den „Informationen“ am Morgen, am Mittag und am Abend. Außerdem gibt es zukünftig die Gemeinschaftssendungen „Wissen aktuell“ (im Programmschema noch „Wissen nach 2“) und „Kultur aktuell“ (im Programmschema noch „Kultur nach 3“). 

Grundsätzlich erhalten die Fachredaktionen auch zukünftig selbst verantwortete Sendeplätze. Für solche Formate wird die Sendezeit jedoch massiv zurückgehen. Außerdem ändert sich ihr Charakter in monothematische Podcasts (s.u.).

„Informationen“: inhaltliche Ausdehnung, zeitliche Verschiebung

Die vier „Informationen“ sind die Sendungen, die zukünftig die meiste Konstanz zeigen werden. Allerdings gibt es auch hier Neuerungen: Die neuen „fachredaktionellen Recherche-Plätze“ werden die bisherige thematische Schwerpunktsetzung auf Politik und Wirtschaft durchbrechen. Es ist schwer zu sagen, inwieweit das negative Auswirkungen auf die inhaltliche Tiefe in den Bereichen Politik und Wirtschaft haben wird. 

Jedenfalls werden die Abstimmungsprozesse innerhalb der Redaktionen steigen und damit auch der redaktionelle Verwaltungsaufwand. Die Produktion wird also teurer, ohne dass das Programm davon in der Summe profitieren würde.

Die „Informationen am Morgen“ rücken eine Stunde nach hinten (zukünftig 6:10–10 Uhr), die „Informationen am Abend“ dauern nun von 17:10 bis 18:30 Uhr. Die von vielen geschätzte kompakte Abendinformation, die bisher in einer halben Stunde (18:10–18:40 Uhr) alles zusammenfasste, was am Tag wichtig war, wird damit extrem gedehnt. Die Sendung „Das war der Tag“ wird zu einer auf 20 Minuten gekürzten „Deutschlandfunk Spätausgabe“.

Die Kommentare, die bisher eine eigenständige Sendung waren, werden in die „Informationen“ integriert, ohne dass ersichtlich wäre, ob es zu einer Kürzung kommt.

„Wissen aktuell“ /
„Kultur aktuell“: Neue Gemeinschaftssendungen statt Fachmagazine

„Wissen aktuell“ (im Schema noch „Wissen nach 2“) wird wohl sowohl natur- als auch geisteswissenschaftliche Themen sowie den Bereich Bildung behandeln, „Kultur aktuell“ (im Schema noch „Kultur nach 3“) kulturelle. Es handelt sich um Gemeinschaftssendungen (sogenannte „Flächen“) inhaltlich verwandter Redaktionen. 

Dabei besteht die Gefahr, dass ohne Not jene inhaltliche Breite und Tiefe aufgegeben wird, die die bisherigen Fachsendungen ausgezeichnet hat. Wenn in einer Sendung zukünftig Kino, Theater, Oper, Pop-Musik, Ausstellungen, Computerspiele und Baukultur zusammengebunden werden, ist nicht dieselbe inhaltliche Tiefe zu erwarten wie etwa jeweils von „Corso“ und „Kultur heute“ als thematisch fokussierte Fachsendungen. Hinzu kommt, dass zukünftig ein Generalist/eine Generalistin moderieren muss und ggf. gar nicht so präzise nachfragen kann, wenn er oder sie fachfremd interviewen muss.

„Hintergrund“: Podcasts statt Radio

Herzstück der Reform ist die Schaffung der „Hintergrund“-Podcasts. 

Sie haben mit dem bisherigen „Hintergrund“ fast nur den Namen gemein. Zukünftig wird hier ein „Host“ eine einzelne Leitfrage stellen, die er oder sie im Laufe der Sendung durch unterschiedliche journalistische Formate beantworten will. Das kann auch mal einer der bisherigen „gebauten Beiträge“ sein; es überwiegt aber das Erlebnis des „Hosts“, der sich in Kollegengesprächen, Interviews und Erläuterungen auf die Suche nach der Antwort macht. Wahrscheinlich wird das Radio also zukünftig über weite Strecken klingen wie etwa die „Systemfragen“ und „Der Rest ist Geschichte“. 

Damit kein Missverständnis aufkommt: Natürlich sind diese beiden Podcasts wertvoller Journalismus. Weitet man den Podcast-Stil jedoch auf wesentliche Teile der Fachinhalte im Radio aus, erfindet sich der Sender vom Sound her weitgehend neu – möglicherweise vom Duzen bis hin zur obligatorischen Flapsigkeit. Es droht ein Verlust weiter Teile der bisherigen Hörerschaft, ohne dass hinreichend neue Hörer dazugewonnen werden können.

Außerdem erbringt der Podcast-Stil Herausforderungen für den Journalismus: Wenn das Format auf dem Prinzip beruht, zu dem Hörer eine persönliche Beziehung aufzubauen, damit dieser ihm dann die Botschaft glaubt, anstatt dies durch betont nüchterne Präsentation zu erreichen, könnte ein Stück journalistische Distanz verlorengehen. 

Außerdem drohen die „mittleren Themen“ verloren zu gehen, also jene, die zu lang oder zu speziell sind für die „Flächen“ und zu kurz für einen halbstündigen, monothematischen Podcast.

Verlängerung der Sendungen mit Hörerbeteiligung

Bisher dauern die Mitmachsendungen im Deutschlandfunk ca. anderthalb Stunden, in Zukunft soll das neue „Dialog“-Format knappe zwei Stunden dauern und noch dazu nachmittags in kompakter Form wiederholt werden. 

Während es ein demokratischer Gedanke ist, Hörer am Radioprogramm zu beteiligen (an der Programmreform hatten sie keinen Anteil), so zeigen diese Sendungen oft nicht jene inhaltliche Dichte auf, die das Programm des Deutschlandfunks sonst auszeichnet.

Programm am Samstag und am Sonntag

Die Veränderungen im Programm sind am Samstag und am Sonntag besonders drastisch. So fallen sehr viele bisherige Sendungen weg; das betrifft die „Themen der Woche“, „Computer und Kommunikation“ und die „Bücher für junge Leser“ am Samstag ebenso wie den „Sonntagsspaziergang“ und die „Zwischentöne“ am Sonntag. Für diese Sendeformate und Inhalte wie etwa die ausführlichen Wochen-Kommentare und die Reiseberichterstattung ist im sonstigen Programmschema bisher kein Ersatz ersichtlich. 

Auch die „Zwischentöne“ wird es in der bisherigen Form nicht mehr geben. Sie werden einerseits zu einer neuen Sendung namens „Zur Person“ verkürzt, in der es um die Biographie einer bekannten oder intellektuellen Person gehen soll. Außerdem wird es die Sendung „Köpfe“ geben. Darin stehen Menschen im Mittelpunkt, die etwas Besonderes machen, wobei nicht ihre Biographie im Mittelpunkt steht, sondern ihr Handeln.

Teure, aber großartige Sendeformate wie das „Wochenendjournal“ und „Gesichter Europas“ werden ungefähr auf die Hälfte gekürzt.

Wiederholungen

Stattdessen kommt es im Wochenendprogramm zu zahlreichen Wiederholungen. Das ist teils unmittelbar sichtbar, etwa beim am Sonntag wiederholten „Interview der Woche“ (25 min.) oder den Sendungen „Gesichter Europas“ (30 Min.) und „Köpfe“ (55 min.). Tatsächlich werden aber auch die Sendungen „Wissen am Samstag“ (120 min.) und „Kultur am Sonntag“ (120 min.) Wiederholungen des Programms von unter der Woche sein. 

Das ist ein massiver Eingriff in die inhaltliche Breite und Tiefe des Deutschlandfunks, die die Sendeleitung bis heute nicht überzeugend begründet hat. Wenn das Budget weitgehend gleichgeblieben ist, warum muss dann derart massiv im inhaltlichen Programm gekürzt werden?